häusliche Pflege
Demenz
Wenn das Ich verloren geht
Wird es ein guter Vormittag? Oder ein schlechter? Elsa Schäfer genügt ein Blick in das Gesicht ihres Mannes kurz nach dem Erwachen: Blitzt in seinen Augen das Erkennen auf, darf sie auf einen ruhigen Morgen hoffen. Weiß Ewald Schäfer dagegen nicht, wen er vor sich hat, können Waschen, Anziehen und Frühstücken zur Belastungsprobe werden.
Die Dame vom Pflegedienst, die fünfmal in der Woche kommt, wird dem 86-Jährigen dann fremd sein. Und alles Unbekannte macht den an der Alzheimer-Demenz erkrankten Mann nervös. Manch mal stemmt er sich an solchen Tagen gegen die Handgriffe, mit denen die Pflegerin ihm helfen will. Manchmal ruft er nach seiner Frau und ist dabei so aufgewühlt, dass er ihren Namen vergisst. "Aber so schnell, wie er grantig wird", erzählt Elsa Schäfer, "so schnell ist er wieder lieb." Das beruhigt die 77-Jährige, denn ohne den ambulanten Pflegedienst hätte sie ihren Gatten wahrscheinlich schon vor drei Jahren in ein Heim bringen müssen. Damals war er gestürzt und hatte sich die Hüfte gebrochen. "Als er aus der Klinik kam", erinnert sich Elsa Schäfer, "war er bettlägerig. Wegen meiner Rückenprobleme hätte ich ihn auf Dauer nicht versorgen können."
Doch den Pflege-Profis gelang es, Ewald Schäfer so weit herzustellen, dass er wieder ein paar Schritte gehen kann und seine Frau sein Gewicht nicht stemmen muss. "Ich selbst", glaubt sie, "hätte ihn nicht so weit gebracht. Ich wäre übervorsichtig gewesen." Spätestens seit damals ist Elsa Schäfer überzeugt: "Man sollte nicht alles alleine machen wollen."
Dennoch grübelt sie, wenn ihr Mann verstört auf die Pflegerin reagiert. "Ich weiß nie genau, was in ihm vorgeht und was er mitbekommt. Das ist traurig, denn früher haben wir alles besprochen." Jetzt sagt ihr Mann "Stadtmitte", wenn er im Bauch Schmerzen spürt, und "Ich will nach Hause", wenn er nicht in den Schlaf findet.
>Apotheken Umschau; 23.10.2006